DIGITALISIERUNG VS. FULL HUMAN EXPERIENCE

Eine Beobachtung von Gastronom 

Michael Cortelletti

Wir hören und lesen es immer wieder Die Pandemie war und ist ein Katalysator für die Digitalisierung Homeoffice, Video Calls, Online Bestellungen, ja sogar Web Calls mit den Liebsten all das gehört zu unserem neuen Alltag, dem New Normal Nur Sind wir dem nicht schon überdrüssig? Wollen wir nicht lieber zurück in unser altbekanntes „Normal Wollen wir nicht viel lieber wieder Menschen treffen, ins Theater und Kino gehen, in der Stadt bummeln und mit Freunden oder Familie „ essen und feiern gehen? Fakt ist, ein Großteil der Gesellschaft ist von der voll umfänglichen Digitalisierung übersättigt Jetzt, nach langen Zeiten der Pandemie, Phasen des Lockdowns und Einschränkungen des gesellschaftlichen Miteinanders, wollen viele Menschen ihre Onlinepräsenz lieber reduzieren, denken über Social Media Detoxing nach und versuchen sogar auf die Nutzung digitaler Medien ganz zu verzichten Es entwickelt sich gerade ein Gegentrend zur Digitalisierung Klar ist, dass es nicht möglich sein wird, sich komplett von allen Formen und Instrumenten digitaler Kommunikation abzuwenden Dafür ist die Digitalisierung bereits zu lange und zu fest in der Welt etabliert Dennoch wird es in vielen Bereichen ein Angebot des Rückzugs geben.

Orte, an denen man eine Pause von der digitalen Welt nehmen kann und Ruhe für den Geist zum Regenerieren findet Eine Auszeit in der reellen Welt Es geht darum, nicht 24 7 erreichbar zu sein und dem Druck, andauernd auf sein Smartphone schauen zu müssen, zu entkommen Auch wenn es sich dabei nur um einen kurzen Zeitraum handelt, kann der Abstand zur Digitalität die gesamte Atmosphäre ändern.

Die Digitalisierung hat der Gesellschaft das Versprechen gegeben, Leben und Arbeit zu vereinfachen, doch dies ist nicht immer der Fall Digitale Entwicklungen haben das Leben schneller und stressiger gemacht Menschen fühlen sich gezwungen, zu jeder Zeit und an jedem Ort erreichbar zu sein Dadurch, dass wir als Gesellschaft stark auf die digitale Welt fixiert sind, fehlt oft die Zeit für freie, emotionale Momente.

Die Gesellschaft benötigt das wahre Leben und den Kontakt zu echten Menschen Zurück zur Bedeutung, Reflexion und Sinnfindung des Lebens Im Vordergrund stehen bewusstes Handeln und Gestalten und dies soll mit allen Sinnen erlebbar gemacht werden.

Der Fokus liegt auf Kommunikation und auf Momenten, die einfühlsam, emotional und unvergesslich sind Eine instrumentelle Netzwerkkommunikation wird nach wie vor Bestand haben, allerdings rückt diese in den Hintergrund zwischenmenschlicher Beziehungen Es müssen neue Anreize geschaffen und Türen geöffnet werden, damit Menschen in gemütlicher Umgebung zusammenkommen können, um das Leben wirklich zu leben.

Innerhalb der Gastronomiebranche sind echter Kontakt zwischen Gästen untereinander sowie mit dem Personal nichts neues Doch heute gilt es zu entscheiden, ob man ganz auf Digitalisierung setzt und auf jeden nicht notwendigen menschlichen Kontakt verzichten will oder die Digitalisierung lieber nur da einsetzt, wo es sinnvoll ist und lieber nach wie vor Mensch bleibt und ein Leben außerhalb der virtuellen Welt lebt Letzteres beschreibt nicht nur persönlichen Austausch und Gemeinschaft, es geht um eine Full Human Experience‘‘, also der direkte Kontakt des Menschen zueinander, bei der digitale Werte hinter den Kulissen stattfinden Dies trifft in besonderem Maße für die Hospitality Branche zu Hier kann Digitalisierung durchaus unterstützend eingesetzt werden, um den Fokus stärker auf Gästeerlebnisse zu legen.

 

Anlässe können in Wertigkeit steigen Menschen haben die Möglichkeit persönliche Beziehungen aufzubauen, emotionale Begegnungen zu erfahren und sich von der digitalen Welt auszuruhen.

In diesem Artikel behandeln wir den Gegentrend ,,Digital Free‘‘ und welche Möglichkeiten sich damit für die Zukunft der Gastronomie ergeben Die Gesellschaft befindet sich in einem akuten Wandel Es wächst das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Nähe, wodurch gleichzeitig ein vermehrter Widerstand gegen eine totale Digitalisierung auftritt Es ist unbestreitbar, dass die Digitalisierung das Miteinander der Menschen verändert Doch wie weit sollte Digitalisierung in einer Branche, die ein bekennendes People’s business ist, gehen?        

                                                                                                                                                                                                        Café                                                                                                   

‘‘Es wächst das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Nähe, wodurch gleichzeitig ein vermehrter Widerstand gegen eine totale Digitalisierung auftritt.‘‘

 

Inwiefern kann also die klassische Gastronomie, bei der sich alles um echte Begegnungen und persönlichen, emotionalen Austausch und das Erleben von gemeinsamen Momenten dreht mit digitaler Präsenz, online Bestellungen und Food Apps konkurrieren?

Verunsicherungen in der Gastronomiebranche bezüglich wirtschaftlicher Entwicklungen und dem Einsatz digitaler Unterstützungen sind nicht nur durch das Aufkommen der Pandemie hoch Auch fast zehn Jahre nachdem die Industrie 4 0 die Gesellschaft erreicht hat, ist immer noch Verunsicherung beim Einsatz von digitalen, analogen und persönlichen Elementen in der Branche zu erkennen.

Der moderne Arbeitsmarkt ist von der Digitalisierung nachhaltig geprägt Es findet fortlaufend ein intensivierter Wandlungsprozess von analogen Ressourcen hin zu digitalen Technologien statt Dies ist auch im Bereich Hospitality angekommen Die sogenannte Gastronomie 4 0 beschreibt die Umstellung auf digitale Prozesse, mit der Aufgabe, Arbeitsabläufe in vielen Punkten zu vereinfachen Dies betrifft Aufgaben der Buchhaltung, Verwaltung von Ressourcen, Warenwirtschaft bis hin zu Bestellungen und Reservierungen sowie kontaktlosen Zahlungen Genau diese Prozesse mittels digitaler Tools zu vereinfachen, führte zu wünschenswerten Prozessoptimierungen und Annehmlichkeiten in der Gastronomie Die Pandemie verstärkte diesen Prozess.

 

Es ist im Bewusstsein der Gesellschaft verankert, dass die Zukunft des Marktes und damit die des Gastgewerbes von digitaler Bereitschaft bestimmt ist Dennoch stellt sich die Frage, wie weit die technologische Entwicklung noch gehen wird und welche Barrieren daraus entstehen können Viele Restaurants, Bars oder Cafés setzen nach wie vor auf klassische Konzepte und beziehen nur die notwendigste Unterstützung aus der Digitalisierung Es geht nicht darum, die Digitalisierung zu boykottieren, sondern die Technik im Hintergrund laufen zu lassen, auch um die sozialen Bedürfnisse der Gäste zu berücksichtigen.

 

Gäste der Gastronomie und Hotellerie haben heute andere Ansprüche an Dienstleistende und Services der Hospitalitybranche als noch vor vielen Jahren Für viele Menschen ist es wichtig, dass es schnell und unkompliziert bei gleichbleibender Qualität sein muss Moderne Gastronomie muss daher eine Erweiterung des Gästeservices sein Für Gastronomiebetreibende ist es von daher unmöglich die Digitalisierung außer Acht zu lassen, allerdings kommt es auf den gezielten Einsatz an Digitalisierung sollte vielmehr als Unterstützung dienen, den Gastro Alltag so einfach und unkompliziert wie möglich zu gestalten.

 

Doch sollte dabei das Gesellschaftliche, Soziale und Gastgeberische nicht zu kurz kommen Schließlich ist es genau das, was Restaurantbetreibende seit Beginn der Gastronomiegeschichte pflegen Gäste kommen nicht nur zum Essen und zum Trinken, also um Grundbedürfnisse zu befriedigen, sondern um auch den Alltag in Vergessenheit geraten zu lassen oder in manchen Fällen vielleicht sogar zu entfliehen.

 

‘‘Wie weit wird die Technologie Sich noch entwickeln und welche Barrieren entstehen daraus?‘‘

 

Stellen wir uns vor, dass Digitalisierung noch stärker in der Gastronomie oder Hotellerie Einzug hält und nicht mehr nur bloße Unterstützung von digitalen Kassensystemen oder Nutzung von QR Codes im Fokus hat, sondern dass Mitarbeitende von künstlicher Intelligenz und Robotik ersetzt werden, die einzig und allein darauf ausgerichtet sind, Bestellungen der Gäste aufzunehmen.

 

Würde dann nicht der ursprüngliche Gastronomiegedanke verschwinden? Damit würden nicht nur zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen, sondern es würde an Emotion, Erlebnissen und sozialen Miteinander fehlen Also genau das, was uns Menschen von Maschinen unterscheidet.                                                                                                    Technologie in der Gegenwart

 

Tatsächlich sind solche Fantasien längst nicht mehr Zukunftsvisionen oder Science Fiction Es gibt bereits jetzt die Möglichkeit, Restaurants, Cafés, Bars oder Hotels nur mit dem Einsatz technologiebetriebener Software und Maschinen zu betreiben Ein konkretes Beispiel ist der Roboter Tom Sawyer Tom Sawyer kocht und serviert Kaffeespezialitäten für Melitta Der Roboter hat seine fest definierte Café Ecke, dort füllt er bis zusechs Standardrezepte ab oder kocht den Authentic Drip Coffee“ seine Spezialität Die Ironie dahinter ist, dass die Kaffeesorten authentischer sind als Tom Sawyer selbst Für die Zubereitung muss Sawyer Becher holen, diese korrekt unter der Kaffeemaschine platzieren, den Handfilter greifen und an der Kaffeemühle ansetzen Die Kaffeemühle wird von ihm angestellt, wobei Sawyer das Mahlgut in den Filter gibt, den Filter in die Station einbindet und den Brühvorgang anschließend startet Zunächst findet der Gast dies sehr unterhaltsam und bewundernswert, wie Maschinen programmiert werden können So eine Technologie ist neu und aufregend Aber nur genau so lange, bis uns auffällt, dass der Vorgang immer der gleiche ist.

Die Abläufe wiederholen sich, es werden niemals Gespräche mit dem Barista stattfinden können Es wird niemals eine Beziehung aufgebaut werden können, es wird niemals eine Freundschaft oder Verbundenheit entstehen Wird dann Tom Sawyer nicht auf Dauer langweilig werden? Und werden wir uns, ganz anders als von der Romanfigur, die Mark Twain 1876 mit viel Humor entwickelt hat, nicht eher abwenden wollen? Werden wir uns nicht eher eine Auszeit vom Fortschritt und hin zur realen Welt wünschen wollen? Wenn es nur noch Tom Sawyer Roboter geben würde, wünschten wir uns schnell echte Menschen an den Kaffeemaschinen zurück Wir wollten zurück in unser Stammcafé um die Ecke Dorthin, wo wir früher so viel Zeit mit Familie und Freunden verbracht haben und sich nach oder während dem Kaffee mit Barista und Gastgebenden angeregt unterhalten haben.                                                                                                                                Auszeit mit den Freunden

 

‘‘Zum Schluss werden wir feststellen, dass das, was wirklich zählt, die Emotionen, Zusammensein und die soziale Gemeinschaft ist“

 

Full Human Experience
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